Wenn der Vater geht……

Ich bin sehr traurig……. Mein Papa ist verstorben. 🥺😢

Vor zwei Wochen, am 29.1.22, ist er gegangen. Er war sehr krank und trotzdem traf es mich wie ein Schlag ins Gesicht….

Ich bin zu spät gekommen. Als der Anruf meiner Zwillingsschwester kam, dass es ihm nicht gut geht, ahnten wir nicht, dass er sich den nächsten Tag für seinen Tod ausgesucht hatte.

Ich hatte wichtiges an dem Wochenende vor. Ich wollte meinen ersten Onlinekurs für Zwillingseltern drehen. Alles war geplant und vorbereitet. Das Filmteam bestellt…..

Einen Tag später, am Morgen um 9.30 Uhr kam der Anruf meiner Schwester. Sie weinte, ihre Worte waren panisch, ich zitterte, fing an zu weinen und konnte es nicht glauben. Mein Fels in der Brandung – der er trotz Erkrankung immer noch war – sollte nicht mehr da sein. Ein Gedanke den ich nicht akzeptieren konnte und wollte!

Wie in Trance sagte ich meinen Drehtermin ab. Die Worte zu schreiben, dass mein Vater gestorben war, fühlten sich falsch an und doch musste ich sie schreiben. Kurze Zeit später saß ich im Auto auf dem Weg „nach Hause“. In ein zu Hause, dass ich beim letzten Besuch noch anders erlebt hatte. Die Begleitung meiner Tochter und meines Partners retteten mich. Die vielen Nachrichten und Anrufe von lieben Freunden bewegten und berührten mich.

Die Ankunft zu Hause erschlug mich fast. Meine Schwester flog mir weinend in die Arme, gefolgt von meiner Mutter, die so hilflos, zerbrechlich und aufgelöst dastand – um Jahre gealtert innerhalb eines Tages. Meine „kleine“ Schwester in Vollschutz im Freien –  sie hatte Corona. Mein jüngerer Bruder in Tränen aufgelöst. Die Situation war unerträglich.

Ich befand mich in einer Bubble – gefüllt mit Nebel – und rollte von der einen in die andere Richtung. Ich funktionierte und tat, was getan werden musste. Der erste Gang ging in das Zimmer, in dem mein Papa in seinem Bett lag und aussah als würde er schlafen. Alle hörten seinen tiefen Atem, wie immer wenn er schlief – es blieb eine Illusion.

Als er sich verabschiedete, war er nicht alleine. Meine Zwillingsschwester und meine Mutter waren bei ihm, hielten seine Hände. Meine Schwester hörte seine letzten Worte, sah sein letztes Lächeln – ein Moment, der mir für immer fehlen wird. Und doch ist es beruhigend zu wissen, dass sie dort war – stellvertretend für mich, für alle seine Kinder. Es ist als wäre durch sie ein Teil von mir dagewesen – nicht nur optisch.

Mein Vater war in dem Ort, in dem er lebte und seine Kinder aufwuchsen sehr beliebt und weit über die Ortsgrenze bekannt. Alle kamen sie! Aus ganz Deutschland – unter Bewahrung der Coronaauflagen. Jeder wollte meinem Papa die letzte Ehre erweisen! Ich freute mich darüber und weiß das sehr zu schätzen. Trotzdem hatte es für mich auch einen bitteren Beigeschmack, da sich die wenigsten von ihnen in der Zeit bei ihm blicken ließen oder meldeten, als er sie am dringendsten gebraucht hätte. In den letzten 4 Jahren, als er allmählich seine Sprache verlor und immer schlechter laufen konnte. In dieser Zeit wurde es sehr einsam um ihn. Nur sehr wenige Menschen besuchten ihn und nahmen sich für ihn Zeit. Es brach mir und meiner Familie das Herz aber vor allem ihm. Nun kamen sie aus ihren Verstecken herausgekrochen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen oder ihr schlechtes Gewissen zu reinigen. Sorry – mich macht so etwas wütend!

Always the same….

Mir graute es – nicht nur davor einen Teil der eben beschriebenen Menschen zu sehen. Ich fühlte bereits die Vergleiche der vielen Leute, wenn sie mich und meine Zwillingsschwester seit vielen Jahren wieder sehen würden. Ich hörte schon Stimmen wie: „Bist du die aus Hamburg oder die aus Köln?“, „Bist du die mit der Tochter oder die mit den Jungs?“ Du denkst vielleicht, dass dies doch keine schlimmen Fragen sind. Da gebe ich dir grundsätzlich recht! Allerdings kam bei mir Vergleichsdruck auf und eine Angst unerfüllter Erwartungshaltungen breitete sich allmählich in mir aus wie:

  • gleich aussehen zu müssen – eben wie Zwillinge
  • als die Schwächere von uns bezeichnet zu werden
  • das schwarze Schaf von uns beiden zu sein
  • nicht so hübsch und kommunikativ zu sein wie meine Schwester
  • nicht schlechter abschneiden zu wollen neben meiner Schwester

Ich weiß, dass es quatsch ist und sich das meiste davon wahrscheinlich hauptsächlich in meinem Kopf abspielte. Und trotzdem war es da, und stieg täglich, je näher der Tag der Trauerzeremonie kam.

Wo kam das her? Von den vielen Projektionen, Vergleichen und Bewertungen denen ich als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene ausgesetzt war. Wo sich Außenstehende, aber auch meine Eltern, herausgenommen hatten, Unterschiede zu kreieren und zu bewerten anstatt sie zu entdecken, zu akzeptieren und zu fördern.

Diese Gedanken und Ängste zu haben fühlte sich für mich nicht gut an. Ich fühlte mich schlecht, da es ja jetzt gar nicht um mich ging.

Zwillingszusammenhalt

Meine Schwester und ich funktionierten in dieser schweren Zeit perfekt miteinander. Jede wusste, was die andere dachte und fühlte. Wir schauten uns an und hatten ähnliche Gedanken, fingen zur gleichen Zeit an über das gleiche Thema zu reden oder sprachen Gedankenblitze laut aus, die die Andere auch gerade hatte. Es tat gut, in solch schweren Momenten nicht alleine zu sein. Es brachte uns in dem Moment näher zusammen und vermittelte uns ein Gefühl des Trosts und der Sicherheit. Wir erinnerten uns gemeinsam an Erlebnisse mit unserem Vater, die meine anderen Geschwister und meine Mutter nicht hatten – wir waren schon immer Papa-Kinder.

Ich werde dich nie vergessen….

Wenn Schicksalsschläge oder der Verlust eines Menschen sich ereignen, finden viele (erwachsene) Zwillinge, auch diejenigen, die sich seit Jahren aus dem Weg gehen, oft wieder zusammen. Sie suchen nach der Sicherheit, dem Trost und der Geborgenheit, die sie sich gegenseitig als Kinder gegeben haben. Genau das erlebte ich nun. Zu Wissen, dass meine Schwester – während ich kurz wieder nach Hause fahren musste – bei meiner Mutter blieb war für mich, als wäre ein Teil von mir noch dort und in ihr.

R.I.P. mein geliebter Papa! ❤️

Papa

2 Antworten

  1. Liebe Ilka,
    Deine Worte kommen mal wieder von Herzen.
    Ich weiß, was dieser Verlust bedeutet und wünsche Dir und Deinen Lieben viel Zuversicht für die Zukunft, Dankbarkeit für die gemeinsame Vergangenheit und in der Gegenwart die richtigen Menschen an Eurer Seite.

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