„Das ist eben eher ein Papa-Kind“

Mutter und Vater mit jeweils einer ihrer Zwillingstöchter

Warum die feste Aufteilung von Zwillingen unter den Eltern nach hinten losgehen kann

Eine Mutter hat mir in einer Beratung erzählt, wie bei ihnen zu Hause die Nächte laufen. Ganz nebenbei, zwischen zwei anderen Themen. Der Vater schläft im Zimmer der einen Tochter, die andere liegt im Elternbett bei ihr. So läuft das schon, seit die Mädchen zwei Jahre alt sind.

Eigentlich ging es in dem Gespräch um etwas ganz anderes. Die Zwillinge sind vier, zweieiig, und die Mutter hatte sich bei mir gemeldet, weil die beiden so viel streiten. Sie messen sich ständig, jede schaut ganz genau, was die andere bekommt und mit wem sie wie lange unterwegs war. Die Mutter wollte wissen, wie sie aus diesem ständigen Wettbewerb herauskommen.

Also habe ich nachgefragt, ob jeder der Eltern auch mal etwas allein mit jedem Kind macht.

Sie sagte, dass sie das tun würden. Dabei hat jeder von ihnen seinen Zwilling. Das wäre auch beim Schlafen so und bei Unternehmungen. Es habe sich einfach so ergeben und funktioniere gut.

In diesem Moment hatte ich eine Ahnung, was den Streit zusätzlich anheizen könnte.

Doch erst mal das Wichtigste: Alleinzeit ist Gold wert!

Bevor ich weiterschreibe, möchte ich diese Eltern in Schutz nehmen. Denn sie machen etwas richtig, was viele Zwillingsfamilien nicht schaffen: Sie geben jedem Kind regelmäßig Zeit allein mit einem Erwachsenen. In diesen Momenten muss das Kind die Aufmerksamkeit mit niemandem teilen und hat einen Erwachsenen ganz für sich. Gerade für Zwillinge sind solche Momente besonders wertvoll.

Und damit meine ich nicht nur große Ausflüge oder ganze Wochenenden. Die sind auch schön, aber genauso zählen die kleinen Momente: zusammen Brote schmieren, zum Bäcker gehen, jedem eine eigene Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, oder täglich ein Kind beim Kochen dazunehmen und dabei abwechseln – das, was für euch gut passt und machbar ist. Mehr dazu habe ich in meinem Artikel über Alleinzeit mit Zwillingen geschrieben.

Warum Eltern das überhaupt so machen

In einer Zwillingsfamilie sitzt ein Elternteil ziemlich oft in einer Dreierbeziehung fest: ein Erwachsener, zwei Kinder mit sehr ähnlichen Bedürfnissen, im selben Alter, in derselben Entwicklungsphase. Beide wollen genau im selben Moment getröstet werden oder eine Geschichte hören, und wie du dich auch entscheidest, einem der beiden gibst du immer zu wenig.

Dieses zermürbende Gefühl kennen viele Zwillingseltern.

Dagegen wirkt die Aufteilung wie eine saubere Lösung. Jeder Erwachsene nimmt ein Kind, jedes Kind bekommt jemanden ganz für sich, keiner kommt zu kurz. Es fühlt sich fair an, es entlastet, und es bringt nachts endlich Ruhe. Verständlich, oder?

Doch der Blick greift hier oft zu kurz. Man rechnet vielleicht, wie viel Zeit jedes Kind bekommt, und übersieht, von wem sie kommt.

Wie sich die Aufteilung einschleicht

Kaum eine Familie setzt sich hin und beschließt so etwas. Es passiert nebenbei, und meistens aus sehr nachvollziehbaren Gründen.

Manchmal liegt es am Charakter. Eine Mutter hat mir mal erzählt, dass sie sich einer ihrer eineiigen Töchter näher gefühlt hat, weil diese ihr vom Wesen her ähnlicher war. Ein Elternteil und ein Kind sind zum Beispiel beide eher ruhig, während das andere Kind es lieber laut und wild mag, wie der andere Elternteil. Geplant hat das niemand, es hat sich einfach so eingespielt, und genau das ist der Punkt. In der Entwicklungspsychologie nennt man das Passung: Wie gut das Temperament von Eltern und Kind zusammenspielt, entscheidet mit darüber, wie leicht eine Beziehung im Alltag läuft. Bei einem Einzelkind fällt das kaum jemandem auf. Bei Zwillingen steht der direkte Vergleich immer daneben.

Manchmal liegt es auch am Start ins Leben. Wenn ein Kind kränker oder kleiner war oder länger in der Klinik bleiben musste, kann es passieren, dass sich ein Elternteil besonders um dieses Kind kümmert, während der andere das kräftigere übernimmt. In dem Moment ergibt das oft vollkommen Sinn. Nur bleibt die Rollenverteilung dann manchmal bestehen, obwohl der Anlass längst vorbei ist.

Wie häufig so etwas vorkommt? In einer Untersuchung mit über hundert Zwillingsmüttern gab rund ein Viertel an, sich in den ersten Monaten einem der Babys stärker verbunden zu fühlen als dem anderen. Das ist nichts, wofür sich jemand schämen müsste, und es sagt auch nichts darüber aus, wie sehr eine Mutter ihre Kinder liebt. Es zeigt nur, dass solche Unterschiede am Anfang vorkommen können. Schwierig wird es, wenn daraus mit der Zeit eine feste Aufteilung entsteht.

Manchmal geht die Aufteilung auch von den Kindern aus

Bisher habe ich davon erzählt, wie Eltern in eine Aufteilung hineinrutschen. Sie kann aber genauso von den Kindern selbst kommen, und dafür gibt es sogar einen Fachbegriff.

In der Zwillingspsychologie spricht man vom „Mutter-Zwilling“ und vom „Vater-Zwilling“. Gemeint ist damit erst einmal etwas ganz Normales: Zwillinge zeigen häufig eine Vorliebe für ein Elternteil. Manchmal kann diese Vorliebe unbewusst von den Kindern kommen, weil sie sich damit ungeteilte Aufmerksamkeit sichern. Wenn jeder von uns einen Erwachsenen hat, muss keiner teilen. Diese Vorliebe kann sich auch wieder verschieben, mal ist es so herum, mal andersherum. Dann ist das auch kein Problem.

Heikel wird es jedoch, wenn Eltern diese Zuordnung übernehmen und daraus eine Eigenschaft machen. Aus „heute Nacht bleibt Papa bei dir“ wird mit der Zeit „die ist eben eher ein Papa-Kind“. So kann aus einer Notlösung ein Etikett werden, und aus dem Etikett eine Rolle, aus der das Kind irgendwann nicht mehr rauskommt.

Auch so eine feste Zuteilung kann übrigens eine Form von Bevorzugung sein. Selbst dann, wenn die Eltern beide Kinder gleich lieb haben und es überhaupt nicht so meinen.

Bei Junge und Mädchen fragt keiner mehr nach

Bei zwei Mädchen oder zwei Jungen fällt eine feste Aufteilung eher auf. Spätestens, wenn jemand wissen will, warum eigentlich immer dieselbe Kombination unterwegs ist.

Bei einem Jungen und einem Mädchen hinterfragt das jedoch meistens niemand. Da liegt die Erklärung ja schon bereit: Der Junge braucht seinen Vater, das Mädchen ihre Mutter. Der Junge ist wie sein Vater und hat ähnliche Interessen, das Mädchen gleicht mehr der Mutter. Das klingt so einleuchtend, dass keiner mehr hinschaut: die Eltern nicht und das Umfeld erst recht nicht. Deshalb halte ich diese Aufteilung bei gegengeschlechtlichen Zwillingen für besonders heikel. Sie fällt oft gar nicht auf, weil sie so selbstverständlich scheint.

Etwas Ähnliches gibt es natürlich auch bei Geschwistern mit Altersabstand. Ich kenne eine Familie, in der der Vater für den Sohn zuständig war und die Mutter für die Tochter, bis hin zu den Elternabenden. Auch da sollte man sich regelmäßig abwechseln, damit sich nichts festfährt. Bei Zwillingen wiegt das allerdings schwerer, weil die beiden gleich alt sind, in derselben Entwicklungsphase stecken und ganz ähnliche Bedürfnisse haben. Vor allem aber vergleichen und messen sie sich ständig. Was das eine Kind macht oder bekommt, sieht das andere sofort. Umso wichtiger ist es bei ihnen, die Kombination zu wechseln, damit keine starren Muster entstehen.

Und ja, zweieiige Zwillinge unterscheiden sich in ihren Interessen im Durchschnitt stärker als eineiige. Daran ist überhaupt nichts falsch, im Gegenteil. Nur sollte sich das aus den Kindern heraus entwickeln und nicht daraus, dass immer dasselbe Kind mit demselben Elternteil losgeht.

Was mit der Zeit daraus entstehen kann

Der Mutter aus meiner Beratung habe ich aufgezeigt, was ich in solchen Familien immer wieder sehe:

  • Jedes Kind beobachtet ganz genau, was die Schwester mit „ihrem“ Elternteil erlebt, und kann es selbst nicht haben. Daraus kann Eifersucht entstehen. Und die kann die Rivalität und den Streit zusätzlich anheizen – also genau das, weswegen sich die Mutter überhaupt bei mir gemeldet hatte.
  • Kinder erklären sich die Welt mit den Mitteln, die sie haben. Wenn Mama jede Nacht dasselbe Kind in den Schlaf begleitet, liegt für das andere der Gedanke nah: Vielleicht mag sie mich nicht so gern.
  • Im Streit kann daraus eine Waffe werden: „Papa hat dich sowieso nicht so lieb“, und umgekehrt. Zwillinge kennen die wunden Punkte des anderen sehr genau.
  • Wenn ein Kind bestimmte Erlebnisse fast immer mit einem Elternteil teilt, fühlt es sich seltsam an, plötzlich mit dem anderen loszuziehen. Es ist unsicher und hat das Gefühl, ihn gar nicht richtig zu kennen. Dann meiden es beide Seiten, und der Abstand wächst weiter.
  • Der Radius wird enger. Die Mutter hat mir erzählt, dass ihr eines der Mädchen im Vergleich zur Schwester deutlich jungenhafter vorkommt, und sie führt es selbst darauf zurück, dass genau dieses Kind mit dem Vater unterwegs ist. Interessen wachsen eben nicht nur aus dem Kind, sondern auch aus dem, was ihm angeboten wird.

Wenn zwei Elternteile da sind, gibt es zwischen Zwillingen und ihren Eltern vier Beziehungen. Bei einer festen Aufteilung ist jedes Kind mit einem Elternteil viel mehr zusammen als mit dem anderen. Das eine Kind kennt seinen Vater am Ende anders als das andere.

Wer allein erzieht oder oft allein mit beiden unterwegs ist, steckt ohnehin ständig in der Dreierkonstellation. Umso wichtiger sind dann die kleinen Momente, in denen jedes Kind einen Erwachsenen auch einmal für sich hat.

Vielleicht liest du das als erwachsener Zwilling

Dann kennst du das vielleicht von der anderen Seite. Vielleicht warst du das Kind, das häufiger mit der Mutter unterwegs war. Vielleicht warst du eher beim Vater und stehst ihm bis heute näher. Und vielleicht ist da bis heute ein Elternteil, mit dem du irgendwie nie richtig warm geworden bist, ohne dass du je genau sagen konntest, woran das liegt.

Aus der Geschwisterforschung wissen wir, dass Erinnerungen an Bevorzugung in der Kindheit noch Jahrzehnte später zwischen erwachsenen Geschwistern stehen können. In einer Studie spielten diese Erinnerungen für spätere Spannungen sogar eine größere Rolle als die Frage, ob die Mutter heute noch eines der Kinder bevorzugt.

Wenn zwischen dir und deinem Zwilling heute eine Rivalität steht, die ihr euch beide als „typisch Zwilling“ erklärt, dann lohnt sich der Blick zurück auf diese Frage: Wer gehörte damals eigentlich zu wem? Und was ist daraus geworden?

Das Gute daran: Beziehungen lassen sich auch mit fünfzig noch verändern. Bei dem Elternteil, den du weniger kennst, muss es nicht bleiben, wie es ist.

Wenn dich das beschäftigt, findest du hier meine Begleitung für erwachsene Zwillinge.

Meine Tipps für Zwillingseltern

  • Behaltet unbedingt die Alleinzeit, aber wechselt die Kombinationen. Es muss dabei nicht immer genau 50:50 sein. Mal liest Mama einem Kind vor, mal geht Papa mit ihm zum Bäcker oder auf den Spielplatz. Beim nächsten Mal kann es genau andersherum sein. Das gilt auch für Arzttermine. Und wenn die Kinder in verschiedenen Klassen sind, muss auch nicht immer derselbe Elternteil zum Elternabend desselben Kindes gehen. Wichtig ist, dass sich nicht auf Dauer feste Zweierteams bilden.
  • Hört euch selbst zu. Wenn ihr Sätze sagt wie „die ist eben eher ein Mama-Kind“, fragt euch, wie das entstanden ist. Beschreibt ihr das Kind oder eure eigene Gewohnheit?
  • Fragt, statt zuzuteilen. „Ich fahre gleich zum Baumarkt, wer möchte mit?“ bewirkt etwas ganz anderes als „Du fährst gleich mit zum Baumarkt.“ Und wenn es immer dasselbe Kind ist, das mitkommen möchte, plant bewusst auch mal etwas allein mit dem anderen.
  • Verteilt auch die Themen neu. Wenn Fußball zum Vater gehört und Basteln zur Mutter, dann geht mal genau umgekehrt raus. So bekommt jedes Kind von beiden Eltern mehr mit als immer nur denselben Ausschnitt.

Und wie läuft das in eurer Familie?

Habt ihr eine Aufteilung, die sich mit der Zeit eingeschlichen hat, und ist sie euch vielleicht sogar erst beim Lesen aufgefallen? Schreib mir gern.

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Und wenn ihr merkt, dass ihr allein nicht weiterkommt, begleite ich euch gern in meiner Beratung für Zwillingseltern.

Deine Ilka

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