Alleinerziehend mit Zwillingen – wie soll ich jedem Kind gerecht werden?

Mutter umarmt ihre beiden Kinder im Freien.

„Wo ist denn Ihr Mann?“

Diese Frage stellte mir eine Mitarbeiterin an der Kasse eines Tierparks. Meine Tochter war damals ungefähr vier Jahre alt und freute sich riesig auf unseren Ausflug. Ich hatte nach einer Familienkarte gefragt, die am Ticketschalter beworben wurde.

Als ich erklärte, dass ich alleinerziehend bin und keinen Mann habe, bekam ich zur Antwort: „Dann gilt das Ticket nicht. Das ist nur für Familien.“

Ich war fassungslos. Natürlich waren meine Tochter und ich eine Familie! Genau das habe ich der Mitarbeiterin auch gesagt. Aber es interessierte sie nicht. Am Ende kaufte ich die teureren Eintrittskarten, weil ich meiner Tochter den versprochenen Ausflug nicht verderben wollte.

Leider blieb es nicht bei diesem einen Erlebnis. Einige Jahre später passierte mir an der Kasse eines Freizeitparks fast dasselbe.

Ich war von Anfang an alleinerziehend, mit einer Tochter, nicht mit Zwillingen. Auch wenn ich viele wunderschöne Jahre mit ihr erlebt habe und weiterhin erlebe, gab es Situationen, in denen mir besonders bewusst wurde, wie sehr unser Alltag sich von dem anderer Familien unterschied.

Was mich beispielsweise regelmäßig auf die Palme brachte, waren Bemerkungen anderer Mütter wie: „Ich bin ja praktisch auch alleinerziehend. Mein Mann kommt immer erst spät nach Hause.“ Oder: „Mein Mann ist die ganze Woche beruflich unterwegs. Ich mache auch alles allein.“

Natürlich kann es sehr anstrengend sein, wenn ein Partner wenig zu Hause ist. Aber es macht einen Unterschied, ob jemand nur selten da ist oder ob man die Verantwortung für sein Kind allein trägt.

Denn auch ein Partner, der viel arbeitet, kann möglicherweise am Abend oder Wochenende unterstützen, Sorgen und Entscheidungen teilen oder bei der Kinderbetreuung einspringen. Wenn ich Entlastung brauchte, musste ich sie organisieren, jemanden um Hilfe bitten oder dafür bezahlen.

Heute begleite ich als Zwillingsexpertin auch alleinerziehende Mütter von Zwillingen. In ihren Erzählungen erkenne ich manches aus meiner eigenen Geschichte wieder. Gleichzeitig stehen sie vor zusätzlichen Herausforderungen, die ich mit nur einem Kind so natürlich nicht erlebt habe.

Denn wie ist es, wenn du allein für zwei gleichaltrige Kinder verantwortlich bist, die beide deine Aufmerksamkeit zur gleichen Zeit brauchen, aber mitunter ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben?

Wie kannst du jedem gerecht werden? Wie gelingt es, jedem Kind Zeit mit dir allein zu ermöglichen? Wie kannst du außerdem dafür sorgen, dass beide ihre eigene Persönlichkeit entwickeln, ohne dass einer der Zwillinge dauerhaft zurückstecken oder zu viel Verantwortung für den anderen übernehmen muss?

Vielleicht bist du aber auch selbst Zwilling und mit deiner Schwester oder deinem Bruder bei einem alleinerziehenden Elternteil aufgewachsen. Dann wirst du möglicherweise einige Erfahrungen aus deiner eigenen Kindheit wiedererkennen. Denn manche Erlebnisse und Rollen aus dieser Zeit können die Zwillingsbeziehung noch viele Jahre später beeinflussen.

Wenn die anderen Familien Wochenende haben

Unter der Woche hatte ich Kontakt zu anderen Müttern. Wir trafen uns mit unseren Kindern, tauschten uns aus und unternahmen gemeinsam etwas. Doch sobald das Wochenende kam, waren viele mit ihren Partnern und Kindern beschäftigt. Dann war plötzlich kaum noch jemand erreichbar.

Ich erinnere mich an viele Sonntage, an denen ich mit meiner Tochter allein unterwegs war. Wir gingen auf Spielplätze, machten Spaziergänge oder suchten uns andere Ausflugsziele. Überall begegneten uns Familien, die gemeinsam ihre Freizeit verbrachten. Mutter, Vater, Kinder.

In solchen Momenten habe ich mich manchmal besonders einsam gefühlt. Und ich war auch traurig für meine Tochter, weil ich ihr dieses Familienleben mit beiden Elternteilen nicht bieten konnte. Ich hatte deswegen ein schlechtes Gewissen und machte mir Gedanken, ob ihr dadurch vielleicht etwas fehlen könnte. Obwohl wir beide eine schöne Zeit miteinander hatten, hätte ich mir manchmal jemanden an unserer Seite gewünscht, mit dem ich diese Erlebnisse hätte teilen können.

Wenn du alleinerziehend bist, kennst du vielleicht ähnliche Situationen. Mit Zwillingen kommt noch etwas hinzu: Vielleicht möchtest du mit einem deiner Kinder etwas unternehmen, kannst das andere aber nicht einfach zu Hause lassen. Oder beide haben unterschiedliche Wünsche, und du musst entscheiden, was ihr macht.

Wie belastend die alleinige Verantwortung für mehrere gleichaltrige Kinder sein kann, zeigt auch eine internationale Untersuchung der Pflegewissenschaftlerin Kristiina Heinonen aus dem Jahr 2019. Darin berichten alleinerziehende Eltern von Zwillingen und anderen Mehrlingen unter anderem von Zeitmangel, finanziellen Belastungen, Einsamkeit und fehlender Unterstützung. Einige schildern außerdem, dass viele Angebote und Veranstaltungen selbstverständlich von Familien mit zwei Elternteilen ausgehen.

Als ich diese Untersuchung gelesen habe, musste ich sofort an meine eigenen Erfahrungen denken. Besonders an die einsamen Wochenenden und natürlich auch an die Frau an der Tierpark-Kasse, für die meine Tochter und ich offenbar keine richtige Familie waren.

Alleinerziehend zu sein hat auch schöne Seiten

Bei all den Schwierigkeiten möchte ich auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass Alleinerziehen nur anstrengend, einsam oder traurig ist. So habe ich es jedenfalls nicht erlebt.

Meine Tochter und ich haben von Anfang an sehr viel Zeit miteinander verbracht. Wir sind eng zusammengewachsen und haben unglaublich viele schöne Dinge erlebt. Auch heute genießen wir unsere gemeinsame Zeit.

Ich habe es außerdem geschätzt, dass ich viele Entscheidungen selbst treffen konnte. Da ich das alleinige Sorgerecht hatte und habe, konnte ich beispielsweise selbst über die Wahl der Kita oder Schule entscheiden. Natürlich habe ich solche Fragen mit ihrem Vater besprochen, aber die Entscheidung lag letztlich bei mir. Auch unseren Alltag und unsere Urlaube konnte ich weitgehend nach meinen Vorstellungen gestalten.

Diese Unabhängigkeit habe ich durchaus als Freiheit empfunden. Allerdings gab es auch unterschiedliche Erziehungsvorstellungen, schwierige Absprachen mit dem Vater meiner Tochter und seiner neuen Frau und Situationen, in denen meine Tochter nicht zu ihrem Vater gehen wollte.

Manchmal hatte ich auch die Sorge, dass es meiner Tochter bei ihrem Vater, seiner neuen Frau und den beiden Stiefgeschwistern vielleicht besser gefallen könnte. Dass sie dort ein Familienleben erleben würde, das ich ihr als alleinerziehende Mutter nicht bieten konnte. Obwohl wir beide eine enge Beziehung hatten und viel Schönes miteinander erlebten, waren solche Gedanken einfach da. Später zeigte sich, wie unbegründet meine Sorgen damals waren.

Alleinerziehen brachte für mich also beides mit sich: Freiheiten und wunderschöne gemeinsame Erlebnisse, aber auch zusätzliche Verantwortung und Unsicherheiten.

Auch alleinerziehende Zwillingsfamilien erleben ihren Alltag ganz unterschiedlich. Manche Eltern sind von Anfang an allein verantwortlich, andere erst nach einer Trennung. Was für die einen eine große Belastung ist, kann für andere auch mit neuer Selbstbestimmung und Entlastung verbunden sein.

Deshalb interessiert mich in meiner Beratung nicht nur, welche Schwierigkeiten die Eltern beschäftigen. Ich möchte auch wissen, was in ihrer Familie gut funktioniert und welche schönen gemeinsamen Erfahrungen sie machen.

Zwei Kinder, ein Elternteil: Wie soll ich da jedem gerecht werden?

„Wie kann ich beiden Kindern gerecht werden?“ Diese Frage begegnet mir in meiner Beratung mit Zwillingseltern immer wieder. Doch wenn du deine Zwillinge überwiegend allein erziehst, stehen dir häufig weniger Möglichkeiten zur Verfügung, auf ihre unterschiedlichen Bedürfnisse einzugehen.

Vielleicht möchtest du mit einem deiner Kinder etwas unternehmen, das nur dieses interessiert. Aber wer kümmert sich in dieser Zeit um seinen Zwilling? Oder eines deiner Kinder braucht gerade besonders viel Unterstützung, während das andere ebenfalls deine Aufmerksamkeit sucht.

Hinzu kommt möglicherweise das schlechte Gewissen. Reicht meine Zeit für beide? Kommt eines meiner Kinder zu kurz? Müsste ich nicht mehr mit jedem einzeln unternehmen?

In meiner Beratung erlebe ich, wie intensiv sich alleinerziehende Zwillingseltern mit solchen Fragen beschäftigen. Sie möchten ihre Kinder gut begleiten und müssen gleichzeitig berücksichtigen, was unter ihren Lebensumständen überhaupt möglich ist.

Dabei geht es auch um Entscheidungen, die sie häufig allein treffen müssen. Sollten die Kinder gemeinsam oder getrennt eingeschult werden? Wie gehe ich damit um, wenn eines meiner Kinder mehr Unterstützung benötigt? Was ist für jedes Kind richtig, und welche Folgen könnte meine Entscheidung für den anderen Zwilling haben?

Bei solchen Fragen gibt es nicht immer eine eindeutige Antwort. Wenn ein zweiter verantwortlicher Erwachsener fehlt, mit dem man seine Überlegungen besprechen kann, kann diese Verantwortung zusätzlich belasten.

Ein Gedanke ist mir dabei besonders wichtig: Beiden Kindern gerecht zu werden bedeutet nicht, sie immer gleich zu behandeln.

Manchmal benötigt ein Kind mehr Aufmerksamkeit oder Unterstützung als das andere. Entscheidend ist, dass die Bedürfnisse beider Kinder im Blick bleiben und keines dauerhaft zurückstecken muss.

Du musst deshalb nicht jeden Tag die Zeit und Aufmerksamkeit für beide Kinder gegeneinander aufrechnen. Vielmehr geht es darum, die unterschiedlichen Bedürfnisse zu erkennen und innerhalb eurer Möglichkeiten darauf einzugehen.

Wenn die Zwillinge zusammenhalten und du außen vor bist

Zwillinge können eine ausgesprochen enge Beziehung zueinander haben. Sie teilen zahlreiche Erlebnisse und kennen sich so gut, dass sie sich auch ohne viele Worte verstehen. Diese besondere Verbundenheit kann etwas sehr Schönes sein, aber auch zu Herausforderungen führen.

Was passiert beispielsweise, wenn sich die beiden gegen dich verbünden?

Ich erinnere mich an eine alleinerziehende Mutter mit elfjährigen Zwillingen, die ich vor einiger Zeit beraten habe. Sie war berufstätig und lebte mit ihren Kindern in einer kleinen Wohnung. Der Alltag zwischen Arbeit, Haushalt und Kindererziehung kostete sie viel Kraft. Dazu kamen zunehmende Streitereien zwischen den Zwillingen.

Besonders belastend fand sie, dass die Kinder in Konfliktsituationen immer häufiger gemeinsame Sache gegen sie machten. Sobald sie Grenzen setzen wollte, hielten die beiden zusammen. Gleichzeitig stritten sie zu Hause ständig miteinander.

Beim Vater verhielten sich die Zwillinge dagegen ganz anders. Dort gab es weder Streit zwischen den beiden noch Auseinandersetzungen mit ihm.

Die Mutter machte das wütend und traurig. Sie musste den anstrengenden Alltag mit all seinen Konflikten bewältigen, während beim Vater scheinbar alles problemlos funktionierte.

Solche Unterschiede im Verhalten kenne ich auch aus meiner eigenen Erfahrung mit meiner Tochter. Dafür kann es verschiedene Gründe geben: andere Regeln, kürzere Besuchszeiten, die Nicht-Alltags-Situation (z.B. Wochenende, Ferien) oder die besondere Beziehung zum jeweiligen Elternteil. Dass Kinder bei einem Elternteil mehr Konflikte zeigen, bedeutet jedenfalls nicht automatisch, dass sie den anderen lieber mögen.

Bei Zwillingen kommt eine weitere Besonderheit hinzu: ihre Beziehung zueinander. Wenn sie sich zusammentun, kann sich der alleinerziehende Elternteil plötzlich einem eingespielten Zweierteam gegenübersehen. Gleichzeitig können die Zwillinge untereinander heftig streiten, sodass der Elternteil immer wieder zwischen beiden vermitteln muss.

Deshalb finde ich es wichtig, auch bei Konflikten die Kinder nicht automatisch als Einheit zu betrachten. Denn selbst wenn beide gemeinsam gegen eine Regel protestieren, müssen ihre Gründe dafür nicht dieselben sein.

Die enge Verbindung zwischen Zwillingen darf und sollte natürlich bestehen bleiben. Gleichzeitig braucht jedes Kind die Möglichkeit, eine eigene Beziehung zu Mutter oder Vater zu entwickeln und innerhalb der Familie als eigenständige Person wahrgenommen zu werden.

Alleinzeit mit jedem Zwilling: Was ist im Alltag überhaupt möglich?

Vielleicht wünschst du dir schon lange, einmal etwas ganz allein mit einem deiner Zwillinge zu unternehmen. Ohne dass das andere Kind dabei ist, sich einmischt oder ebenfalls deine Aufmerksamkeit haben möchte.

Doch wie soll das gehen, wenn du beide Kinder überwiegend allein betreust?

Auch für Eltern, die gemeinsam erziehen, ist es nicht immer leicht, Alleinzeit mit jedem Zwilling zu organisieren. Trotzdem haben sie grundsätzlich die Möglichkeit, sich die Betreuung aufzuteilen. Als Alleinerziehende oder Alleinerziehender bist du dafür meist auf die Unterstützung anderer angewiesen.

Alleinzeit ist für Zwillinge eine wichtige Erfahrung. Ohne ihren Co-Zwilling können sie eigene Wünsche äußern, Entscheidungen treffen und die Aufmerksamkeit ihres Elternteils einmal ganz für sich haben. Sie erleben sich unabhängig voneinander und können ihre persönliche Beziehung zu Mutter oder Vater weiterentwickeln.

In meinem Artikel Warum Alleinzeit mit den Eltern für Zwillinge so wichtig ist habe ich ausführlicher beschrieben, welche Bedeutung solche Erfahrungen für ihre persönliche Entwicklung haben können.

Manchmal ergeben sich Gelegenheiten ganz nebenbei

Gerade mit Babys und Kleinkindern ist echte Alleinzeit schwer zu organisieren. Vielleicht schläft eines deiner Babys etwas länger, während das andere bereits wach ist. Dann kann sich eine Gelegenheit ergeben, dich einmal ganz auf das wache Kind zu konzentrieren.

Wenn beide Babys denselben Schlafrhythmus haben, bist du möglicherweise einfach froh, selbst etwas schlafen, in Ruhe essen oder notwendige Dinge erledigen zu können. Diese Erholung und Me-Time brauchst du schließlich auch.

Auch beim Wickeln, Füttern oder Anziehen kannst du versuchen, dich jedem Kind für einen kurzen Moment persönlich zuzuwenden. Ich weiß, dass selbst das nicht immer einfach ist: während du dich um ein Baby kümmerst, weint oder quengelt vielleicht das andere. Dann muss vieles schnell gehen und für ungeteilte Aufmerksamkeit bleibt kaum Zeit. Aber vielleicht gelingt dir zwischendurch ein kurzer Blickkontakt, ein Lächeln oder ein paar liebevolle Worte, die nur diesem einen Kind gelten.

Dabei möchte ich zwischen zwei Dingen unterscheiden: Persönliche Zuwendung, während beide Kinder anwesend sind, und echte Alleinzeit, in der ein Kind dich ohne seinen Co-Zwilling erlebt. Beides ist wichtig. Die persönliche Zuwendung ersetzt jedoch nicht vollständig die Erfahrungen, die ein Kind während echter Alleinzeit machen kann.

Wenn deine Kinder älter werden, lassen sich vielleicht kleine Zeiten zu zweit in den Alltag einbauen. Eines hilft dir beim Kochen, Tischdecken oder Wäscheaufhängen, während sein Zwilling anderweitig beschäftigt ist. Auch fünf bis zehn Minuten, in denen du dich ganz auf ein Kind konzentrierst, können eine schöne Gelegenheit für gemeinsame Gespräche und Erlebnisse sein.

Ich empfehle Zwillingseltern, möglichst täglich solche kleinen Zeiten mit jedem Kind einzuplanen. Dabei geht es nicht darum, mit der Stoppuhr daneben zu stehen oder beiden jeden Tag exakt gleich viel Zeit zu widmen. Wichtig ist, dass die Kinder regelmäßig erleben, dass sie ihre Mutter oder ihren Vater auch einmal ganz für sich haben.

Mit zunehmendem Alter entstehen weitere Möglichkeiten. Vielleicht ist ein Kind bei Freunden oder beim Sport, während das andere zu Hause bleibt. Auch Großeltern, Paten oder andere vertraute Menschen können gelegentlich eines der Kinder betreuen, sofern diese Unterstützung vorhanden ist.

Nicht jede freie Minute muss genutzt werden

Ich möchte allerdings vermeiden, dass aus diesen Anregungen gleich die nächste Aufgabe für deinen ohnehin vollen Alltag wird.

Vielleicht bist du froh, wenn eines deiner Kinder bei Freunden ist und du mit dem anderen einen entspannten Nachmittag verbringen kannst. Vielleicht möchte dieses Kind aber auch lieber allein spielen oder sich zurückziehen. Dann muss daraus nicht unbedingt eine gemeinsame Unternehmung werden.

Es wird möglicherweise auch Wochen geben, in denen getrennte Zeiten kaum möglich sind.

Wie sich Alleinzeit gestalten lässt, hängt vom Alter deiner Kinder, ihren Bedürfnissen und euren Lebensumständen ab. Manche Familien finden dafür schnell passende Möglichkeiten. Bei anderen ist die Organisation deutlich schwieriger, beispielsweise wenn beide Kinder noch sehr klein sind oder kaum Unterstützung durch andere Menschen vorhanden ist.

Gerade deshalb lohnt es sich, die individuelle Situation der Familie anzuschauen, statt sich an einem festen Zeitplan zu orientieren.

Wenn ein Zwilling zu viel Verantwortung für den anderen übernimmt

In meiner Beratung begegne ich auch immer wieder erwachsenen Zwillingen, bei denen einer schon früh Verantwortung für den anderen übernommen hat. Vielleicht war er der Mutigere, der Konflikte geregelt, Entscheidungen getroffen oder seinen Zwilling beschützt hat. Was in der Kindheit begonnen hat, setzt sich nicht selten bis ins Erwachsenenalter fort.

Solche Rollen können in jeder Zwillingsfamilie entstehen. Wenn du deine Kinder allein erziehst und ohnehin viel zu bewältigen hast, kann es jedoch eine zusätzliche Herausforderung sein, darauf zu achten, dass keines deiner Kinder zu viel Verantwortung für seinen Zwilling übernimmt.

Vielleicht ist eines deiner Kinder selbstständiger und übernimmt ganz selbstverständlich Aufgaben für seinen Zwilling. Es erinnert ihn an seine Hausaufgaben, hilft ihm bei Schwierigkeiten oder übernimmt das Reden, wenn der andere schüchtern ist.

Was zunächst wie eine hilfreiche Unterstützung aussieht, kann sich mit der Zeit zu einer festen Rollenverteilung entwickeln. Der eine übernimmt immer mehr Verantwortung, während der andere zunehmend auf seine Hilfe angewiesen ist. Deshalb empfehle ich Eltern, hier frühzeitig aufmerksam zu sein und beispielsweise darauf zu achten, dass auch der zurückhaltendere Zwilling selbst zu Wort kommt und eigene Entscheidungen trifft.

Natürlich dürfen und sollen Zwillinge sich gegenseitig unterstützen und füreinander da sein. Entscheidend ist, dass daraus keine dauerhafte Zuständigkeit des einen für den anderen wird.

Besonders problematisch wird es, wenn sich ein Kind dauerhaft für seinen Zwilling zuständig fühlt, eigene Wünsche zurückstellt oder Aufgaben übernimmt, die eigentlich in der Verantwortung eines Erwachsenen liegen.

Übernimmt ein Kind über längere Zeit elternähnliche Aufgaben und ist damit überfordert, spricht man in der Psychologie von Parentifizierung. Nicht jede feste Rollenverteilung zwischen Zwillingen ist gleich eine Parentifizierung. Trotzdem lohnt es sich, früh darauf zu achten, dass beide Kinder möglichst selbstständig werden und keines dauerhaft die Verantwortung für das andere übernimmt.

Wenn du alleinerziehend bist, kann es durchaus entlastend sein, wenn deine Kinder selbstständig sind und sich gegenseitig helfen. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Hilft ein Kind seinem Zwilling, weil es das gerne möchte? Oder hat es das Gefühl, für ihn verantwortlich zu sein und ihn nicht allein lassen zu dürfen?

Denn auch der Zwilling, der sich um den anderen kümmert, ist selbst noch ein Kind. Er braucht Unterstützung, darf eigene Entscheidungen treffen und muss sich nicht dauerhaft für das Wohlergehen seines Zwillings verantwortlich fühlen.

Wenn du selbst mit deinem Zwilling bei einem alleinerziehenden Elternteil aufgewachsen bist

Vielleicht liest du diesen Artikel als erwachsener Zwilling und erinnerst dich an deine eigene Kindheit. An das Leben mit deiner Mutter oder deinem Vater, der überwiegend allein für euch verantwortlich war.

Wie hast du diese Zeit erlebt?

Vielleicht erinnerst du dich an viele schöne gemeinsame Erlebnisse, an einen starken Zusammenhalt innerhalb eurer Familie oder daran, wie viel eure Mutter oder euer Vater trotz aller Herausforderungen möglich gemacht hat.

Vielleicht hast du aber auch mitbekommen, wie viel euer Elternteil zu bewältigen hatte. Wie erschöpft er manchmal war oder wie wenig Zeit für eigene Bedürfnisse blieb.

Möglicherweise hast du deshalb versucht, möglichst wenig zusätzliche Schwierigkeiten zu machen oder eigene Sorgen für dich behalten, um deinen Elternteil nicht noch mehr zu belasten.

Vielleicht hast du dir auch gewünscht, deine Mutter oder deinen Vater gelegentlich ganz für dich zu haben. Ohne deinen Zwilling. Um etwas allein miteinander zu unternehmen oder über Dinge zu sprechen, die nur dich beschäftigt haben.

Mich interessiert besonders, ob du dich innerhalb eurer Familie als eigenständige Person wahrgenommen gefühlt hast. Konntest du eigene Wünsche äußern und eigene Entscheidungen treffen, auch wenn dein Zwilling etwas anderes wollte?

Welche Bedeutung haben diese Erfahrungen möglicherweise noch heute?

Vielleicht stellst du im Rückblick fest, dass du schon früh gelernt hast, deine Bedürfnisse zurückzustellen. Oder dass bestimmte Rollen innerhalb eurer Familie entstanden sind, die deine Beziehung zu deinem Zwilling bis heute beeinflussen.

Solche Entwicklungen können unterschiedliche Ursachen haben und kommen keineswegs nur in Einelternfamilien vor. Trotzdem kann es interessant sein, die eigene Familiengeschichte auch unter diesem Blickwinkel zu betrachten.

Dabei geht es nicht darum, im Nachhinein nach Fehlern zu suchen oder deiner Mutter oder deinem Vater Vorwürfe zu machen. Vielmehr kannst du überlegen, welche Erfahrungen dich geprägt haben und ob manche Verhaltensweisen, die in eurer Kindheit selbstverständlich waren, heute überhaupt noch zu deinem Leben passen.

Denn inzwischen seid ihr erwachsen. Ihr könnt eure Beziehung zueinander verändern und neu gestalten, ohne eure Verbundenheit aufgeben zu müssen.

Warum es manchmal so schwerfällt, um Hilfe zu bitten

„Hol dir doch einfach Unterstützung!“

Diesen gut gemeinten Ratschlag kennen vermutlich viele Alleinerziehende. Doch so leicht ist das manchmal gar nicht.

Ich weiß noch, wie schwer es mir fiel, andere um Hilfe zu bitten. Meine Familie lebt ungefähr 400 Kilometer entfernt. Natürlich hat meine Mutter mich unterstützt, aber solche Besuche mussten geplant werden. Selbst im Notfall dauerte es mehrere Stunden, bis sie bei mir sein konnte.

Auch meine Freundinnen waren hauptsächlich andere Mütter mit Kindern im gleichen Alter wie meine Tochter. Sie hatten selbst genug zu tun, sodass ich sie nicht ständig um Unterstützung bitten wollte.

Doch es waren nicht nur die fehlenden Möglichkeiten, die es mir schwer machten, um Hilfe zu bitten. Für mich war das lange Zeit auch ein Zeichen von Schwäche. Ich wollte zeigen, dass ich es allein schaffe und eine gute Mutter bin.

Mir war außerdem wichtig, finanziell unabhängig zu bleiben. Ich wollte weder vom Staat noch von meinen Eltern oder meinem Expartner abhängig sein. Deshalb habe ich von Anfang an Vollzeit gearbeitet. Das bedeutete allerdings auch, dass meine Tochter schon sehr früh betreut werden musste.

Damit waren wieder andere Zweifel verbunden: War es richtig, meine Tochter so früh in die Betreuung zu geben? Hätte ich nicht mehr Zeit mit ihr verbringen sollen? Dazu kam das Gefühl, von anderen schnell als „Rabenmutter“ verurteilt zu werden, weil ich trotz meines kleinen Kindes Vollzeit arbeitete.

Gerade als Alleinerziehende hatte ich das Gefühl, besonders genau beobachtet und beurteilt zu werden. Um Hilfe zu bitten, konnte sich deshalb wie ein Eingeständnis anfühlen, dass ich es allein nicht schaffe.

Vielleicht kennst du ähnliche Gedanken. Du möchtest niemanden überfordern, hast Sorge, anderen zur Last zu fallen, oder befürchtest, dass sie deine Fähigkeiten als Mutter oder Vater infrage stellen könnten.

Manchmal hilft es schon, mit jemandem sprechen zu können

In meiner Beratung erlebe ich, dass alleinerziehende Zwillingseltern viele Fragen mitbringen, auf die es keine einfache Antwort gibt.

Sie müssen Entscheidungen über ihre Kinder treffen, unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen und mit Konflikten zwischen den Zwillingen umgehen. Manchmal gibt es mehrere Möglichkeiten, aber niemanden, mit dem sie die Vor- und Nachteile gemeinsam abwägen können.

Ich habe gelegentlich den Eindruck, dass es den Müttern deshalb auch gut tut, ihre Überlegungen mit jemandem besprechen zu können. Mit einem Menschen, der ihre Situation versteht, nachfragt und ihnen hilft, verschiedene Möglichkeiten zu betrachten.

Denn selbst wenn du dich nach langem Überlegen für einen Weg entschieden hast, bleibt die Verantwortung für diese Entscheidung bei dir. Vielleicht fragst du dich später, ob du richtig gehandelt hast oder ob eine andere Lösung für deine Kinder besser gewesen wäre.

Ein Gespräch nimmt dir diese Verantwortung nicht ab. Aber es kann helfen, Gedanken zu sortieren, Unsicherheiten zu klären und Entscheidungen besser abzuwägen.

Manchmal ist genau das eine Form von Unterstützung, die im Alltag fehlt.

Ein Familienleben, das zu euch passt

Wenn ich heute auf meine Jahre als alleinerziehende Mutter zurückblicke, denke ich an viele wunderschöne Erlebnisse mit meiner Tochter, aber auch an die Sorgen, die mich damals begleitet haben. An die einsamen Wochenenden, mein schlechtes Gewissen und die vielen Entscheidungen, die ich allein treffen musste.

Manches würde ich heute vielleicht anders machen. Andere Dinge, über die ich mir damals große Sorgen gemacht habe, haben sich im Nachhinein als völlig unbegründet herausgestellt.

Was ich aus dieser Zeit mitgenommen habe: Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden. Was bei anderen gut funktioniert, muss nicht unbedingt zu den eigenen Lebensumständen passen.

Wenn du deine Zwillinge allein erziehst, wirst du wahrscheinlich immer wieder vor Situationen stehen, in denen du dir mehr Zeit, Unterstützung oder einen zweiten Erwachsenen an deiner Seite wünschen würdest. Nicht alles, was du deinen Kindern ermöglichen möchtest, lässt sich im Alltag umsetzen.

Wichtig ist mir, dass du bewusst beide Kinder mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen wahrnimmst, ihnen hilfst, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln und gleichzeitig ihre besondere Beziehung zueinander unterstützt.

Vergiss dabei aber auch dich selbst nicht. Deine Bedürfnisse sind genauso wichtig. Wenn du ständig versuchst, allen Anforderungen gerecht zu werden und dabei an deine eigenen Grenzen gehst, ist auf Dauer niemandem geholfen.

Auch ich habe damals nicht immer alles so hinbekommen, wie ich es mir gewünscht hätte. Trotzdem hatten meine Tochter und ich ein schönes gemeinsames Familienleben. Und darauf kommt es doch letztlich an: nicht auf perfekte Bedingungen, sondern darauf, was ihr gemeinsam aus euren Möglichkeiten macht.

Wenn du dir Unterstützung für eure Situation wünschst

Vielleicht stehst du als alleinerziehende Mutter oder alleinerziehender Vater von Zwillingen gerade vor einer schwierigen Entscheidung oder möchtest besser verstehen, warum sich bestimmte Konflikte oder Rollen zwischen deinen Kindern entwickelt haben.

In meiner Beratung für Zwillingseltern besprechen wir deine Fragen und überlegen gemeinsam, welche Möglichkeiten es für eure Familiensituation gibt.

Vielleicht bist du aber auch selbst erwachsener Zwilling und möchtest dich mit deiner Kindheit, deiner damaligen Rolle innerhalb der Familie oder deiner heutigen Zwillingsbeziehung beschäftigen. Dabei unterstütze ich dich in meinem Coaching für erwachsene Zwillinge.

Wenn du mich und meine Arbeit kennenlernen möchtest, kannst du gerne ein kostenloses 30-minütiges Erstgespräch mit mir vereinbaren (Anfrage).

Wenn du regelmäßig mehr über Zwillingsbeziehungen, die persönliche Entwicklung von Zwillingen und den Familienalltag mit Zwillingen erfahren möchtest, abonniere gerne meinen Newsletter. Dort teile ich Gedanken, Erfahrungen und Anregungen aus meiner Arbeit als Zwillingsexpertin.

Quelle

Heinonen, K. (2019). Describing Being a Single Parent of Multiples. International Journal of Caring Sciences, 12(3), 1310–1320.

Originalstudie lesen (PDF)

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