Vor Kurzem wurde ich von einer Journalistin für ein Interview über eineiige Zwillinge angefragt. Im Gespräch wurde mir allerdings schnell klar, dass sie ziemlich genaue Vorstellungen davon hatte, was Zwillinge ausmacht: ihre unglaubliche Nähe, vermeintlich telepathische Fähigkeiten, das ständige Zusammensein und natürlich die vielen lustigen Geschichten darüber, wie eineiige Zwillinge andere Menschen durch ihre Ähnlichkeit täuschen.
Ich kenne diese Vorstellungen nur zu gut. Schließlich bin ich selbst eineiiger Zwilling und beschäftige mich seit vielen Jahren mit den besonderen Beziehungen und Herausforderungen von Zwillingen.
Ich versuchte, ihr zu erklären, dass das tatsächliche Leben als Zwilling oft wenig mit diesen romantischen Vorstellungen zu tun hat. Dass die enge Verbindung nicht nur schön sein kann, sondern manchmal auch belastend ist. Dass Zwillinge miteinander konkurrieren, Schwierigkeiten haben können, ihre eigene Identität zu entwickeln, und dass manche sogar so sehr unter ihrer Beziehung leiden, dass sie sich Unterstützung suchen.
Irgendwann fragte ich sie, warum sie für ihren Artikel eigentlich keine zweieiigen Zwillinge einbeziehen wollte.
Mit ihrer Antwort hatte ich nicht gerechnet. Sie schaute mich fragend an und meinte sinngemäß, dass zweieiige Zwillinge doch eigentlich ganz normale Geschwister seien.
Genetisch betrachtet hat sie damit recht. Aber bedeutet das wirklich, dass ihre Beziehung weniger besonders ist? Dass sie nicht vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie eineiige Zwillinge?
Und warum reagieren Menschen häufig begeistert, wenn sie erfahren, dass jemand eineiiger Zwilling ist, während die Antwort „zweieiig“ manchmal eher Enttäuschung auslöst?
Eineiig oder zweieiig? Warum die Antwort so viel verändert
Wenn Menschen erfahren, dass jemand ein Zwilling ist, folgt meistens die Frage: „Seid ihr eineiig oder zweieiig?“
Ich habe das selbst schon unzählige Male erlebt. Besonders dann, wenn mich jemand kennenlernt, ohne dass meine Zwillingsschwester dabei ist. Sobald ich erzähle, dass ich eineiiger Zwilling bin, reagieren viele regelrecht begeistert. Meistens wollen sie sofort wissen, ob wir uns zum Verwechseln ähnlich sehen, ob wir gleich denken oder ob wir spüren können, wie es der anderen gerade geht.
Lange habe ich diese Reaktionen einfach hingenommen. Schließlich kenne ich es gar nicht anders. Aber irgendwann wurde mir bewusst, dass diese Begeisterung keineswegs allen Zwillingen entgegengebracht wird.
Eine zweieiige Zwillingsfrau erzählte mir in einem Interview, dass sie häufig genau das Gegenteil erlebt. Sobald sie auf die Frage nach ihrer Zygosität antwortet, dass sie zweieiig ist, spürt sie regelrecht die Enttäuschung ihres Gegenübers. Oft folgt nur ein kurzes „Ach so“, und meistens wird gleich das Thema gewechselt.
Ich fand das ziemlich erschreckend. Denn was sagt diese Reaktion eigentlich aus? Dass es weniger interessant ist, ein Zwilling zu sein, wenn man seinem Zwillingsgeschwister nicht zum Verwechseln ähnlich sieht?
Die amerikanische Zwillingsforscherin Nancy Segal, die selbst zweieiiger Zwilling ist, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit ein- und zweieiigen Zwillingen. Auch sie hat beschrieben, dass eineiige Zwillinge häufig Bewunderung erfahren, während zweieiige weit weniger Aufmerksamkeit bekommen. In ihrem Artikel „Fraternal Twins: The Hidden Pairs“ bezeichnet sie zweieiige Zwillinge deshalb auch als „hidden pairs“, also als „versteckte“ oder „nicht sichtbare“ Zwillingspaare.
Dabei sind zweieiige Zwillinge keineswegs eine kleine Randgruppe. Ganz im Gegenteil: Weltweit betrachtet sind ungefähr zwei Drittel aller Zwillingspaare zweieiig, wobei der Anteil je nach Bevölkerung unterschiedlich ausfällt. Ausgerechnet die Mehrheit der Zwillinge bekommt also häufig weniger Aufmerksamkeit als die Minderheit.
Natürlich ist die Faszination für eineiige Zwillinge nachvollziehbar. Zwei Menschen, die sich äußerlich so ähnlich sehen, dass andere sie kaum auseinanderhalten können, ziehen nun einmal die Blicke auf sich. Dazu kommen häufig verblüffende Ähnlichkeiten in Gestik, Mimik und Stimme, manchmal sogar in der Art zu lachen oder sich zu bewegen. Und auch ich habe erlebt, wie viel Interesse diese Ähnlichkeit auslösen kann.
Aber seit wann entscheidet das Aussehen darüber, wie besonders eine Beziehung zwischen zwei Menschen ist?
Wir bewundern bei Zwillingen häufig das, was wir von außen sehen können, und übersehen dabei, was ihre Beziehung tatsächlich ausmacht.
Zweieiige Zwillinge sind genetisch wie Geschwister. Aber ihre Beziehung ist eine andere.
Schauen wir uns zunächst an, worin sich ein- und zweieiige Zwillinge überhaupt unterscheiden.
Eineiige Zwillinge entstehen aus einer befruchteten Eizelle, die sich in einem frühen Entwicklungsstadium teilt. Sie besitzen nahezu identisches Erbgut.
Zweieiige Zwillinge entstehen dagegen aus zwei verschiedenen Eizellen, die unabhängig voneinander befruchtet werden. Genetisch sind sie einander deshalb nicht ähnlicher als andere Geschwister. Sie können das gleiche oder ein unterschiedliches Geschlecht haben und sich äußerlich sehr ähnlich sehen oder völlig verschieden aussehen.
So weit die Biologie. Aber was sagt uns das über ihre Beziehung?
Erstaunlich wenig, wenn wir ausschließlich auf die Gene schauen. Denn unabhängig davon, wie Zwillinge entstanden sind, teilen sie Erfahrungen, die gewöhnliche Geschwister mit einem Altersabstand nicht in derselben Weise machen.
Ihre gemeinsame Geschichte beginnt bereits im Mutterleib. Beide wachsen gleichzeitig heran, haben schon vor der Geburt Kontakt miteinander und teilen sich den begrenzten Platz. Die frühe Verbundenheit spielt auch aus psychologischer Sicht eine wichtige Rolle. Wie sich daraus später ihre Beziehung entwickelt, ist allerdings von vielen Faktoren abhängig und keineswegs bei allen Zwillingen gleich.
Nach der Geburt setzt sich dieses gemeinsame Aufwachsen fort. Beide brauchen zur gleichen Zeit Aufmerksamkeit, Zuwendung und Fürsorge. Sie durchlaufen die gleichen altersbedingten Entwicklungsphasen, auch wenn jedes Kind sein eigenes Tempo hat und nicht alle Entwicklungsschritte gleichzeitig macht. Sie kommen meist zur gleichen Zeit in den Kindergarten und werden häufig gleichzeitig eingeschult.
Und während andere Geschwister durch ihren Altersunterschied zumindest zeitweise unterschiedliche Entwicklungsstufen erleben, stehen Zwillinge ständig neben einem Menschen, der genauso alt ist wie sie.
Was bedeutet das für die beiden Kinder?
- Sie teilen sich die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zur gleichen Zeit. Gerade im Kleinkind- und Kindesalter sind Zwillinge meistens zusammen. Beide haben gleichzeitig Bedürfnisse, möchten getröstet, beschäftigt und wahrgenommen werden. Ihre Eltern müssen deshalb ihre Aufmerksamkeit ständig zwischen beiden aufteilen. Das kann zu Konkurrenz führen, aber auch dazu, dass sich die Kinder stärker aneinander orientieren.
- Sie werden miteinander verglichen. Und zwar nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern auch wegen ihres Wesens, ihrer Fähigkeiten und ihrer Leistungen. Wer kann zuerst laufen? Wer spricht besser? Wer ist selbstbewusster, beliebter oder erfolgreicher? Solche Vergleiche kommen von außen, werden aber oft irgendwann von den Zwillingen selbst übernommen.
- Sie müssen ihre eigene Identität entwickeln. Jeder Zwilling ist ein eigenständiger Mensch. Gleichzeitig wächst er mit einem anderen Menschen auf, der von Anfang an eine wichtige Rolle in seinem Leben spielt. Herauszufinden, wer man unabhängig vom anderen ist, kann deshalb eine besondere Herausforderung sein.
- Sie können miteinander konkurrieren und trotzdem sehr eng verbunden sein. Liebe, Rivalität, Eifersucht und Wut schließen sich in einer Zwillingsbeziehung nicht aus. Bei gegengeschlechtlichen Zwillingen kann die Konkurrenz geringer ausfallen, weil Eltern sie aufgrund ihres unterschiedlichen Geschlechts häufig schon früh stärker als zwei eigenständige Kinder wahrnehmen und behandeln. Auch unterschiedliche Interessen können dazu beitragen. Das gilt natürlich nicht für jedes Zwillingspaar. Trennungsängste, gegenseitige Abhängigkeit oder Schwierigkeiten, eigene Entscheidungen zu treffen, können bei beiden Zwillingsformen vorkommen.
Untersuchungen zeigen, dass eineiige Zwillinge im Durchschnitt häufig stärker emotional miteinander verbunden sind als zweieiige. Aber was sagt uns ein Durchschnitt über das einzelne Zwillingspaar?
Es gibt zweieiige Zwillinge, die sich sehr nahestehen und fast alles miteinander besprechen, genauso wie es eineiige Zwillinge gibt, die sich so sehr zerstritten haben, dass sie keinen Kontakt mehr miteinander haben wollen oder können.
Wie zwei Zwillinge miteinander auskommen, hängt eben nicht nur davon ab, wie ähnlich sie sich genetisch sind. Es kommt auch darauf an, was sie miteinander erlebt haben, welche Rollen sie füreinander übernommen haben und wie ihre Eltern und andere Menschen mit ihnen umgegangen sind.
In meinem Artikel „Zwillinge: Ihre einzigartige Bindung und Beziehung verstehen“ gehe ich ausführlicher darauf ein, wie die frühe Verbindung zwischen Zwillingen ihre Entwicklung beeinflussen kann und warum es so wichtig ist, neben der gemeinsamen Zwillingsidentität auch die eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Und wer sich genauer für die Unterschiede zwischen Zwillingen und Geschwistern mit Altersabstand interessiert, findet dazu mehr in meinem Beitrag „Zwillinge und ihre Geschwister: Eine besondere Konstellation“.
Für mich steht jedenfalls fest: Zweieiige Zwillinge sind nicht einfach gewöhnliche Geschwister, die zufällig am selben Tag geboren wurden. Ihre gemeinsame Entwicklung und ihre Beziehung zueinander verdienen es, genauso ernst genommen zu werden wie die von eineiigen Zwillingen.
Was zweieiige Zwillinge zusätzlich erleben
Wenn zwei Menschen gleich alt sind, aber ganz unterschiedlich aussehen, sich unterschiedlich entwickeln und verschiedene Begabungen haben, könnte man meinen, dass es für sie leichter ist, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Schließlich werden sie nicht ständig miteinander verwechselt wie viele eineiige Zwillinge. Und weil ihre Unterschiede offensichtlicher sind, müsste es doch eigentlich einfacher sein, sie als zwei eigenständige Menschen wahrzunehmen.
Aber so einfach ist es leider nicht.
Wenn Unterschiede zum ständigen Vergleich werden
In meiner Arbeit mit Zwillingen erlebe ich immer wieder, wie sehr sie darunter leiden können, wenn sie miteinander verglichen werden. Das betrifft eineiige genauso wie zweieiige Zwillinge. Bei zweieiigen können die Unterschiede allerdings deutlicher ausfallen, was manchmal ganz andere Vergleiche nach sich zieht.
Eine zweieiige Zwillingsfrau erzählte mir beispielsweise vor einigen Jahren, wie unterschiedlich sie und ihre Schwester aussehen. Die beiden unterscheiden sich deutlich in ihrer Körpergröße, ihrer Figur und ihrer Haarfarbe.
Sie berichtete mir, dass sie sich im Vergleich mit ihrer Schwester als weniger attraktiv empfand. Mit der Zeit hatte sich so viel Wut angestaut, dass sie den Kontakt zu ihrer Schwester weitgehend abgebrochen hatte. Sie wollte auch nicht mehr gemeinsam mit ihr auftreten.
Was genau über die Jahre zwischen den beiden passiert war und welche Rolle die Familie dabei gespielt hatte, kann ich natürlich nicht beurteilen. Ich kenne ihre Geschichte nur aus ihrer Sicht. Aber ihre Erzählung hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie schmerzhaft es werden kann, wenn man sich ständig am eigenen Zwilling misst.
Warum müssen Zwillinge überhaupt so häufig miteinander verglichen werden?
Während zweieiige Zwillinge oft hören: „Ihr seht ja gar nicht aus wie Zwillinge!“, werden sie auch mit Fragen und Bemerkungen konfrontiert, die ihre unterschiedlichen Fähigkeiten oder ihre Entwicklung betreffen. Etwa: „Deine Schwester kann schon Fahrrad fahren. Warum kannst du das noch nicht?“
Gleich alt heißt nicht gleich weit entwickelt
Auch eineiige Zwillinge entwickeln sich nicht immer vollkommen gleich. Bei zweieiigen Zwillingen können die Unterschiede aufgrund ihrer unterschiedlichen genetischen Voraussetzungen jedoch größer sein.
Während ein Kind vielleicht schon sicher läuft, braucht das andere noch etwas mehr Zeit. Eines spricht bereits in ganzen Sätzen, während das andere noch einzelne Wörter benutzt. Später ist vielleicht einer in der Schule besonders gut, während sich der andere mit bestimmten Fächern schwertut.
Bei Geschwistern mit Altersabstand werden solche Unterschiede häufig ganz selbstverständlich akzeptiert. Niemand erwartet schließlich, dass ein vierjähriges Kind schon dasselbe kann wie seine sechsjährige Schwester.
Bei Zwillingen sieht das anders aus. Weil beide gleich alt sind, werden ihre Fähigkeiten häufig unmittelbar miteinander verglichen. Dabei gerät schnell aus dem Blick, dass jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo hat.
Für die Kinder selbst kann das schwierig werden, besonders wenn einer immer wieder hört oder selbst sieht, dass sein Zwilling etwas schon besser oder schneller kann. Schließlich messen und vergleichen wir Zwillinge uns auch untereinander.
Mädchen-Junge-Zwillinge: Noch einmal eine andere Situation
In meiner Arbeit habe ich sehr oft erlebt, dass Zwillingsschwestern früh eine fürsorgliche Rolle gegenüber ihrem Bruder übernommen haben. Gerade wenn der Junge in bestimmten Entwicklungsbereichen noch etwas mehr Zeit brauchte, kümmerte sich die Schwester zunehmend um ihn und übernahm Aufgaben, die er noch nicht selbst erledigen konnte.
Bei Mädchen-Junge-Zwillingen kann dabei zusätzlich die verbreitete Erwartung eine Rolle spielen, dass Mädchen sich eher um andere kümmern. Anders als bei der oft unbewussten, eher psychischen Kümmererrolle, die ich auch von gleichgeschlechtlichen Zwillingen kenne, wird das bei Mädchen-Junge-Zwillingen häufig auch im Alltag deutlich.
Manchmal bleibt die Schwester auch als Erwachsene noch diejenige, die für ihren Bruder Dinge regelt und sich für ihn verantwortlich fühlt.
Auch bei der Partnerwahl habe ich in meinen Gesprächen mit gegengeschlechtlichen Zwillingen interessante Erfahrungen gemacht.
Manche erzählten mir, dass sie sich unbewusst Partner oder Partnerinnen ausgesucht hatten, die ihrem Zwillingsgeschwister äußerlich ähnelten. In einigen Fällen entwickelte sich daraus eher ein geschwisterliches Miteinander als eine Liebesbeziehung.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Gespräch mit einer Frau, deren Beziehung zu einem Zwillingsbruder gescheitert war. Sie erzählte mir, dass sie und ihr Partner eher wie Geschwister miteinander gelebt hätten. Dazu kam, dass sie seiner Zwillingsschwester äußerlich sehr ähnlich sah.
Ich habe aber auch von gegengeschlechtlichen Zwillingen erfahren, die lange gar kein großes Bedürfnis hatten, eine eigene Partnerschaft einzugehen. Sie verbrachten so viel Zeit miteinander und waren füreinander so wichtig, dass ihnen zunächst nichts fehlte.
Solche Erfahrungen gibt es auch bei gleichgeschlechtlichen und eineiigen Zwillingen. Manche suchen bei der Partnerwahl nach jemandem, der sie ähnlich gut versteht wie ihr Zwilling. Andere haben lange wenig Interesse an einer Partnerschaft, weil ihnen ihr Zwillingsgeschwister als wichtigste Bezugsperson genügt.
Wie häufig solche Erfahrungen bei den verschiedenen Zwillingsformen vorkommen, lässt sich aus meinen Gesprächen allein natürlich nicht ableiten. Mehr darüber, wie die Zwillingsbeziehung die Partnerwahl und das Zusammenleben beeinflussen kann, erfährst du in meinem Artikel „Zwillinge in Partnerschaften“.
Und genau das ist das Problem, wenn zweieiige Zwillinge einfach als gewöhnliche Geschwister betrachtet werden: Wir kommen möglicherweise gar nicht auf die Idee, dass ihre Schwierigkeiten etwas mit dem Zwillingssein zu tun haben könnten.
Dann werden diese Schwierigkeiten nicht nur unterschätzt, sondern manchmal auch gar nicht verstanden.
In meinen Beratungen und Coachings erlebe ich immer wieder, wie hilfreich es für Zwillinge sein kann, ihre Beziehung besser zu verstehen. Manchmal geht es darum, festgefahrene Muster zu erkennen, den eigenen Weg zu finden oder einen neuen Umgang miteinander zu entwickeln.
Auch Zwillingseltern unterstütze ich dabei, ihre Kinder und deren besondere Beziehung besser zu verstehen und sie in ihrer individuellen Entwicklung zu begleiten.
Wenn du dir dabei Unterstützung wünschst, findest du hier mehr Informationen zu meinen Angeboten: Coaching für erwachsene Zwillinge und Coaching für Zwillingseltern.
Gleiche Kleidung, gleiche Frisur – müssen Zwillinge möglichst gleich aussehen?
Wenn ich Eltern mit ihren Zwillingen begegne, fällt mir immer wieder auf, wie häufig die Kinder gleich angezogen sind. Bei eineiigen Zwillingen verstärkt das natürlich die ohnehin vorhandene Ähnlichkeit. Aber auch viele Eltern zweieiiger Zwillinge ziehen ihre Kinder möglichst gleich an. Hin und wieder fällt mir das sogar bei Mädchen-Junge-Zwillingen auf, die zumindest in den ersten Lebensjahren sehr ähnliche Kleidung tragen.
Ich frage mich manchmal, warum das so ist.
Natürlich gibt es ganz praktische Gründe. Es ist einfacher, zweimal dasselbe Kleidungsstück zu kaufen, statt für jedes Kind etwas anderes auszusuchen. Manche Kinder möchten auch ausdrücklich dasselbe tragen wie ihr Zwilling. Und für viele Eltern gehört das gleiche Anziehen einfach zum Zwillingssein dazu.
Aber ich glaube, dass manchmal noch etwas anderes eine Rolle spielt: die Aufmerksamkeit, die Zwillinge und ihre Eltern bekommen, wenn die Kinder als Zwillinge erkannt werden.
Zwei Kinder, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen und dann auch noch gleich angezogen sind, fallen auf. Menschen bleiben stehen, lächeln und stellen Fragen.
Bei zweieiigen Zwillingen, die ganz unterschiedlich aussehen, bleibt diese Aufmerksamkeit möglicherweise aus, solange niemand weiß, dass sie Zwillinge sind. Durch die gleiche Kleidung wird ihre Zusammengehörigkeit dagegen sofort erkennbar.
Und ich kann durchaus verstehen, dass Eltern sich darüber freuen, wenn ihre Kinder bewundert werden. Zwillinge großzuziehen ist schließlich eine enorme Aufgabe, gerade in den ersten Jahren. Da tut es vermutlich gut, wenn andere Menschen begeistert reagieren und auch ihre zweieiigen Zwillinge als etwas Besonderes wahrnehmen.
Trotzdem frage ich mich: Warum braucht es überhaupt diese äußerliche Ähnlichkeit, damit auch zweieiige Zwillinge als richtige Zwillinge wahrgenommen werden? Warum reicht es nicht, dass sie Zwillinge sind?
Übrigens können auch eineiige Zwillinge selbst die Aufmerksamkeit genießen, die sie durch ihr gleiches Aussehen bekommen. Ich kenne das aus meiner eigenen Kindheit nur zu gut. In meinem Blogartikel „Zwillinge und Klischees: Wie Mythen unbewusst ihre Entwicklung prägen“ habe ich darüber geschrieben, wie sich dieses besondere „Star-Gefühl“ für mich angefühlt hat und was passierte, als meine Schwester irgendwann nicht mehr genauso aussehen wollte wie ich.
Für mich zeigt das jedenfalls, wie stark unsere Vorstellungen von Zwillingen durch ihre äußerliche Ähnlichkeit geprägt sind.
Dabei sagt uns das Aussehen zweier Menschen noch lange nichts darüber, wie sie ihre Beziehung zueinander erleben.
Es gibt keine Zwillinge zweiter Klasse
Wenn ich an das Gespräch mit der Journalistin zurückdenke, beschäftigt mich vor allem eines: Wie wenig viele Menschen über das tatsächliche Leben als Zwilling wissen. Und wie selbstverständlich sie trotzdem glauben, genau zu wissen, was Zwillinge ausmacht.
Ich wünsche mir, dass wir zweieiige Zwillinge endlich genauso ernst nehmen wie eineiige. Dass wir uns für ihre Beziehung interessieren, für das, was sie miteinander erleben, und für die Schwierigkeiten, die sie vielleicht haben. Und dass wir auch bei eineiigen Zwillingen nicht immer nur danach fragen, ob sie gleich aussehen, gleich denken oder alles gemeinsam machen.
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns nach der Antwort „eineiig“ oder „zweieiig“ nicht sofort ein Urteil bilden würden.
Und jetzt bin ich neugierig: Hast du so etwas auch schon erlebt?
Vielleicht bist du selbst zweieiiger Zwilling und kennst diese enttäuschten Reaktionen. Vielleicht bist du eineiiger Zwilling und hast es satt, ständig auf eure Ähnlichkeit angesprochen zu werden. Oder du hast als Mutter oder Vater von Zwillingen ganz andere Erfahrungen gemacht.
Erzähl mir davon in den Kommentaren! Mich interessiert wirklich, wie du das erlebst und ob du meine Beobachtungen teilst. Vielleicht siehst du manche Dinge auch ganz anders.
Du möchtest mehr über das Leben als Zwilling erfahren?
Dann hol dir meine Zwillingspost! Einmal im Monat schreibe ich über das Zwillingssein, meine Erfahrungen und Themen, die mich gerade beschäftigen.
Hier kannst du dich kostenlos für meine Zwillingspost anmelden.
Quellen und weiterführende Informationen
- Segal, Nancy L. (2008): Fraternal Twins: The Hidden Pairs. Psychology Today, 7. Mai 2008.
- American Psychological Association (2021): What studying twins can teach us about ourselves, with Nancy Segal, PhD. Speaking of Psychology, Episode 130.