Wenn eigene Bedürfnisse unter Zwillingen in den Hintergrund geraten
Viele Zwillinge kennen dieses Gefühl sehr gut, auch wenn sie es selten benennen: In dem Moment, in dem der eigene Zwilling anruft, etwas braucht, Rat sucht oder sich in einer Krise befindet, verschiebt sich innerlich etwas. Die eigenen Termine, die eigene Erschöpfung, die eigenen Sorgen treten einen Schritt zurück, während die Aufmerksamkeit ganz selbstverständlich zum anderen wandert. Nicht, weil man dazu gezwungen wird, sondern weil es sich vertraut anfühlt. Fast automatisch.
Als eineiiger Zwilling kenne ich diese Bewegung nicht nur aus meiner Arbeit, sondern auch aus meinem eigenen Leben. Wir beginnen unser Leben nicht als Einzelne. Wir beginnen es zu zweit. Schon vor unserer Geburt sind wir miteinander verbunden. Wir teilen Raum, Entwicklung und die ersten Erfahrungen von Nähe. Diese frühe Verbundenheit prägt. Sie ist ein Geschenk – und zugleich eine Herausforderung, wenn es darum geht, ein eigenständiges Selbst zu entwickeln.
In meinen Coachings mit erwachsenen Zwillingen taucht deshalb immer wieder ein ähnliches Thema auf: Viele haben ein bemerkenswert feines Gespür für die Bedürfnisse ihres Zwillings – und gleichzeitig Schwierigkeiten, die eigenen Bedürfnisse klar wahrzunehmen und ernst zu nehmen. „Eigentlich war ich selbst völlig überlastet“, erzählen sie mir, „aber ich konnte nicht sagen, dass ich jetzt keine Zeit habe.“
Ein Nein bleibt nicht neutral. Es fühlt sich größer an, als es von außen wirkt. Man hat schnell das Gefühl, etwas Grundsätzliches infrage zu stellen.
Was hier wirkt, ist häufig eine Loyalität, die sehr früh entstanden ist. Zwischen Zwillingen bildet sich nicht selten ein unausgesprochener innerer Vertrag: Wir sind füreinander da. Wir lassen uns nicht allein. Wir gehören zusammen. Dieser Vertrag gibt Sicherheit und Halt. Schwierig wird es erst dann, wenn er starrer wird als die eigene Entwicklung.
Dann entsteht ein Spannungsfeld. Darf ich mich verändern, wenn es meinem Zwilling gerade nicht gut geht? Darf ich Grenzen setzen, wenn er oder sie Nähe sucht? Darf ich Entscheidungen treffen, die nicht synchron verlaufen?
Diese Fragen tauchen nicht nur in Krisensituationen auf. Sie zeigen sich im Alltag – bei beruflichen Entscheidungen, in eigenen Partnerschaften, in unterschiedlichen Lebensentwürfen. Gerade im Erwachsenenalter, wenn Zwillinge beginnen, sich deutlicher voneinander zu unterscheiden, kann das herausfordernd werden. Persönliche Entwicklung verändert immer auch die Beziehung.
Hinzu kommt der Blick von außen. Zwillinge bewegen sich in einer Welt, in der sie selten nur als Individuen gesehen werden. Fragen nach Ähnlichkeiten und Unterschieden begleiten viele über Jahre hinweg. Wer ist klüger, unabhängiger, erfolgreicher? Auch wenn solche Fragen beiläufig gestellt werden, bleiben sie nicht folgenlos. Sie verlagern den Fokus immer wieder auf den Vergleich.
Für jugendliche Zwillinge ist diese Phase besonders schwierig. Während Gleichaltrige ohnehin mit Identitätsfragen beschäftigt sind, müssen sie zusätzlich klären, wie viel Nähe sie möchten und wo sie sich unterscheiden wollen. Neue Freundschaften oder erste Partnerschaften können Spannungen auslösen, die von außen kaum jemand richtig einordnet.
Hinzu kommt, dass Eltern diese Abgrenzungsphase manchmal missverstehen. Viele wünschen sich, dass die Zwillinge eng bleiben, füreinander da sind und aufeinander achten. Wenn einer beginnt, eigene Wege zu gehen, wird das nicht selten mit Sorge betrachtet. Manchmal entsteht die Erwartung, dass der kontaktfreudigere Zwilling den zurückhaltenderen mitnimmt, dass beide gemeinsam ausgehen oder sich denselben Freundeskreis teilen.
Was gut gemeint ist, kann ungewollt Druck erzeugen. Statt dass sich jeder frei entwickeln darf, entsteht ein Gefühl von Verpflichtung. Das kann Konflikte zwischen den Zwillingen verstärken – manchmal offen, manchmal unterschwellig.
In manchen Fällen entlädt sich diese Spannung erst Jahre später, wenn einer oder beide plötzlich deutlich auf Abstand gehen, weil die kindliche Zwillingsbeziehung nicht mehr passt. Die Rollen, Zuschreibungen und stillen Verpflichtungen, die in der Kindheit vielleicht Sicherheit gegeben haben, wirken im Erwachsenenalter oft einengend. Wenn sich diese Muster nicht verändern dürfen, entsteht Druck. Entwicklung wird dann nicht begleitet, sondern gebremst.
Gerade wenn Abgrenzung als Gefahr für die Zwillingsbindung verstanden wird, entsteht ein Missverständnis. Denn eine Beziehung kann nur wachsen, wenn sie sich mitentwickeln darf. Wird erwartet, dass Zwillinge dauerhaft so verbunden bleiben wie in der Kindheit, entsteht leicht das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist: Anstatt Nähe zu sichern, können sich Zwillinge innerlich voneinander entfernen.
Eine erwachsene Zwillingsbeziehung entsteht nicht dadurch, dass alles so bleibt wie früher. Sie entsteht, wenn beide alte Rollen hinterfragen, Verantwortung neu verteilen und sich bewusst füreinander entscheiden. Ohne Verpflichtung, ohne Druck – sondern aus freiem Willen.
Sich selbst an erste Stelle zu setzen wird unter Zwillingen deshalb nicht selten als Egoismus bezeichnet. Wenn einer beginnt, Grenzen zu setzen oder eigene Entscheidungen zu treffen, erlebt der andere das manchmal als Rückzug oder Abwertung.
Doch in den meisten Fällen handelt es sich nicht um Egoismus, sondern um einen notwendigen Entwicklungsschritt. Jeder Zwilling muss lernen, sein Leben eigenständig zu führen. Das verändert die Beziehung. Und es fordert beide Seiten heraus.
Denn nicht nur derjenige, der sich abgrenzt, ringt mit Schuldgefühlen. Auch der Zwilling, der sich plötzlich nicht mehr an erster Stelle erlebt, muss sich neu orientieren.
Vielleicht erkennst du dich in manchen dieser Gedanken wieder. Dann kannst du dir eine einfache Frage stellen: In welchen Situationen stellst du deine eigenen Bedürfnisse automatisch zurück – und was würde sich verändern, wenn du dir erlaubst, deinen eigenen Weg klarer zu gehen?
Diese Themen begleite ich in meinen Coachings mit erwachsenen und jugendlichen Zwillingen sehr differenziert. Es geht darum, eine unabhängige und tragfähige Zwillingsbeziehung zu entwickeln – eine Beziehung, in der beide ihre eigene Identität leben und sich dennoch bewusst füreinander entscheiden.
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