Zwillinge – eine besondere Beziehung

Zwillinge eine besondere Beziehung

Dass Zwillinge eine ganz besondere Beziehung haben, ist nichts Neues. Es gibt jedoch Momente, da wird für mich die Besonderheit noch einmal auf eine andere Art und Weise deutlich. Welche Momente das sind, was das mit mir macht und warum das so ist, erfährst du in den folgenden Zeilen.

Ungestillte Sehnsucht

Ich vermisse meine Schwester! Manchmal mehr, manchmal weniger. Meistens komme ich sehr gut damit klar. Wenn nicht, greife ich zum Telefon, schreibe ihr Textnachrichten oder rufe sie an – in Ausnahmefällen auch mehrmals am Tag. Oder aber ich schreibe meine Gedanken auf, gehe Spazieren, kümmere mich um mein inneres Kind, etc. Danach ist meist wieder alles gut.

Die Momente in denen ich sie vermisse sind unterschiedlicher Art. Ich habe festgestellt, dass ich z.B. große Sehnsucht nach ihr habe, wenn ich

  • etwas super Tolles erlebt habe
  • vor einer schwierigen Frage stehe
  • eine große Entscheidung treffen muss
  • Probleme habe
  • krank bin
  • Liebeskummer habe
  • sehr traurig bin
  • das Gefühl habe, dass mich keiner versteht
  • ich alleine bin oder mich alleine fühle

Also meistens, wenn es mir nicht gut geht. 😉

Dabei habe ich gemerkt, dass ich in diesen Momenten nicht wirklich 49 Jahre alt bin. Ich scheine mein jetziges Alter zu verlassen und lande irgendwo zwischen Kindheit und Jugend.

Ich habe weitere Geschwister und Freunde, mit denen ich mich super besprechen und austauschen kann. Sie trösten mich und sind für mich da, wenn ich sie oder ihre Ratschläge brauche. Trotzdem ist es irgendwie nicht dasselbe.

Auch bei meinem Freund ist das anders. Er nimmt bei mir eine besondere Stellung ein – nämlich die des Zwillingsersatzes. Das ist nichts ungewöhnliches. Wenn Zwillinge nicht unbedingt dicht beieinander leben, nicht mehr miteinander auskommen oder ihren Zwillingspartner verloren haben, suchen sie sich sehr oft unbewusst einen Zwillingsersatz. Dies können Partner, Kinder oder auch enge Freunde sein und bringt eigene Herausforderungen mit sich. Das ist jedoch ein ganz eigenes Thema, über das ich nochmal schreiben werde. 😉

Was ist anders?

Wenn ich mit meinen Sorgen und Problemen zu meiner Zwillingsschwester komme, versteht sie mich einfach so gut wie kein anderer:

Wir sind mit gleichen Werten aufgewachsen, haben die gleiche Erziehung erfahren. Sie weiß ganz genau, welche Knöpfe sie bei mir drücken muss, um mich zu beruhigen oder damit ich an die Decke gehe.

Ich hinterfrage ihre Ratschläge meistens nicht und übernehme sie größtenteils ungefiltert. Weil ich einfach nicht nachdenken muss, ob das richtig oder falsch ist. Sie trifft bei mir sehr häufig in Schwarze. Ich vertraue ihr bedingungslos. Sie kann sich einfach super gut in mich hineinversetzen.

Habe ich Streit mit jemanden, muss ich mich ihr gegenüber nicht erklären oder rechtfertigen, warum ich mich so verhalten habe. Sie weiß es einfach und kennt die Lösungswege, wenn ich im Tunnel stecken geblieben bin.

Meine Schwester redet mir grundsätzlich nicht nach dem Mund, auch wenn ich mir das manchmal wünsche. Bei ihr weiß ich, ich bekomme die ungeschönte Wahrheit gesagt – und zwar direkt ins Gesicht.

Durch unsere teilweise sehr ähnlichen Herausforderungen im Leben, können wir unsere Verhaltensweisen, aus dem Blickwinkel unserer verschiedenen Zwillingsrollen, sehr gut reflektieren. (Meine Rolle als “Innenministerin”) Durch das gegenseitige Spiegeln, wird uns unser jeweiliges Verhalten sehr deutlich.

Ist eine von uns mal krank, bedeutet das zwar nicht, dass die andere auch krank ist (das ist ein Mythos – außer zum Teil bei genetischen Erkrankungen), allerdings können wir die Untersuchungsergebnisse der anderen sehr gut für uns nutzen. Z.B. um entsprechend vorzubeugen oder, um ärztliche Vorgehensweisen zu vergleichen oder zu besprechen.

Geht es meiner Schwester nicht gut, ist das für mich so, als würde es einem Teil von mir auch nicht gut gehen. Ich leide stärker mit ihr und fühle mich betroffener als bei anderen mir nahestehenden Menschen (meine Tochter ausgenommen). Ich melde mich dann mehrfach bei ihr, mache mir tierische Sorgen, recherchiere nach Behandlungsmöglichkeiten, usw.

Wir geben uns gegenseitige Filmvorschläge – die wirklich IMMER – bei beiden Seiten auf gefallen stoßen. Da kann selbst die persönliche Vorschlagsliste bei Netflix nicht mithalten. 😉

Mir fällt es nach wie vor schwer, sehr große Entscheidungen alleine zu treffen. Auch wenn ich mich vorher mit meinen Freunden bespreche. Am Ende ist es oft die Meinung und Zustimmung meiner Schwester, die mich damit losgehen lässt.

Fühle ich mich einsam oder habe Liebeskummer, ist die Sehnsucht am Schlimmsten. Ich spüre ein Gefühl in mir, das sehr weh tut. In diesen Momenten sehnt sich ein Teil in mir ganz stark nach unserer Kindheit. Als wir noch alles zusammen gemacht haben, es nur uns zwei gab. Dabei gab es bei uns bei weitem nicht nur harmonischen Zeiten! Die sehe ich dann aber nicht.

Warum ist das so?

Klar – wir kennen uns schon ein Leben lang. Wir haben uns zusammen entschieden den Weg in die Welt zu gehen. Auf engstem Raum haben wir eine sehr intensive Zeit im Mutterleib miteinander verbracht. Wir haben uns gespürt, gerochen, berührt und bereits nonverbal miteinander kommuniziert.

Wir wurden zu früh geboren und gleich nach der Geburt getrennt und in verschiedene Brutkästen gesteckt.

Auch als Kinder und Jugendliche haben wir Höhen und Tiefen zusammen durchlebt und wichtige Entwicklungsphasen gemeinsam erlebt. Wir haben uns sehr lange ein Zimmer geteilt und 15 Jahre lang fast alles zusammen unternommen. Das prägt!

Dazu kommt noch, dass ich von meiner Schwester in der Kindheit sehr abhängig war. Sie hatte bei uns das Kommando, war unser Sprachrohr nach Außen, hat vieles für uns bei unseren Eltern durchgeboxt, usw. Hin und wieder kommt das auch heute noch durch. Daher fehlt sie mir vielleicht öfter und in mehreren Situationen. (Meine Rolle als “Innenministerin”)

Es gibt allerdings noch einen anderen Grund, warum wir uns so gut in den anderen hineinversetzen können: Wir teilen uns nämlich eine primäre Bindung! Die entsteht bereits im Mutterleib – also vor unserer zweiten primären Bindung: der Eltern-Kind-Bindung – und hat einen großen Einfluss auf unser gesamtes Leben!

Aus dieser Bindung hat sich eine gemeinsame Identität entwickelt – noch bevor wir eine eigene Identität entwickeln konnten. Das ist völlig normal und bei allen Zwillingen so – auch bei Zweieiigen. Dadurch sehen und fühlen wir uns unbewusst praktisch als ein Teil des anderen und können unsere Ich-Grenzen kaum wahrnehmen. Unsere Identitäten verschmelzen teilweise miteinander, weshalb wir uns sehr stark in den anderen einfühlen und für ihn mitfühlen können. So, als wären wir es selbst. Das kannst du manchmal ganz gut beobachten, wenn ein Zwilling etwas ausgefressen hat und der andere, der gar nicht beteiligt war, plötzlich zu weinen anfängt. Das ist mitunter auch ein Grund, warum wir uns z.B. persönlich angegriffen fühlen, wenn jemand etwas blödes zu unserem Zwilling sagt, obwohl man selbst nicht gemeint war. Krass, oder?

Durch die gemeinsame Zwillingsidentität wird zwischen uns also eine tiefe Verbundenheit geschaffen, nach der wir uns bewusst oder unbewusst unser ganzes Leben lang sehnen.

Diese tiefe und unzerstörbare Bindung wird zudem noch dadurch gefördert, dass wir von klein auf wesentliche Dinge und Situationen zusammen erleben. Durch gemeinsam gemachte Erfahrungen und Erinnerungen entwickeln wir ein sehr starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und Einfühlungsvermögen. Schließlich kennen wir die Kernidentität unseres Zwillings: Immerhin haben wir uns ständig in den unterschiedlichsten Situationen erlebt, wodurch wir unsere jeweiligen Reaktionen sehr gut kennen.

Fazit

Durch unsere ganz besondere Bindung und gemeinsame Identität unterscheiden wir uns sehr stark von Einlingen und auch von Geschwistern mit unterschiedlichem Alter. Ihnen fällt es schwer eine solche Bindung und Beziehung nachzuvollziehen, weil sie diese in der Form einfach nicht kennen gelernt haben!

Durch unser Zusammensein erleben wir in der Kindheit ein tiefes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, weil es immer jemanden an unserer Seite gibt, der uns ergänzt und tröstet. So sind wir bereits von klein auf daran gewöhnt gemeinsam Probleme zu bewältigen und Entscheidungen zu treffen, uns zu beraten, zu verteidigen, für den anderen Partei zu ergreifen, uns zu ermutigen – kurzum: füreinander da zu sein.

Diese enge Bindung kann allerdings auch allerhand Verstrickungen und Probleme zwischen Zwillingen verursachen, wie z.B. Trennung, Konkurrenz. Weshalb bei mir und meiner Schwester nicht immer alles leicht und harmonisch war und ist.

Und trotzdem sind es die Momente

  • der bedingungslosen Liebe
  • des tiefen Verstehens und Vertrauens
  • des aufeinander verlassen Könnens

die unsere Zwillingsbeziehung zu einer ganz besonderen und einzigartigen macht.

Danke, dass es dich gibt!

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